Die Rallye Dakar (früher Rallye Paris-Dakar) ist ein seit Ende der 1970er-Jahre einmal jährlich hauptsächlich auf dem afrikanischen
Kontinent ausgetragenes Offroad-Motorsportrennen und gilt als die berühmteste Wüstenrallye der Welt.
Anfangs als „nicht so hart“ eingestuft, entwickelte sich die Rallye Dakar 2007 dramatisch. Am Ziel im Senegal gab es geschlagene Helden und strahlende Sieger.
Jan de Rooy orakelt: „Ich werde am Ende nicht der Einzige in Dakar sein, der kein Glück hatte!“ Gerade hatte sich schon in der ersten Etappe das Verteilergetriebe
des Ginaf verabschiedet. Junior Gerard hält die Familienehre hoch, gewinnt Etappe eins. Nach dem Startverbot des Vorjahres wirft der Niederländer den Fehdehandschuh wieder
in Richtung Kamaz. In Lauerstellung mit dem roten MAN TGA: Vorjahres-Zweiter Hans Stacey. In Afrika die alte Hackordnung: Fünffach-Sieger Chagin setzt sich mit Text: Klaus-Peter
Kessler. Fotos: Klaus-Peter Kessler, Bert Brandenburg, Willy Weyens dem Kamaz an die Spitze, will in der Bestenliste gleichziehen mit Rekordsieger Karel Loprais. Die tschechische
Dakar-Ikone hat das Tatra-Lenkrad an seinen Neffen Ales Loprais übergeben, der bei der 29. Auflage sein Lenkrad- Debüt feiert. Über 7.915 Kilometer, davon 4.309 in
Wertungsprüfungen (WP), führt die Strecke von Portugal über Spanien, Marokko, West-Sahara, Mauretanien in den Senegal.

Der Wegfall der Mali-Schleife verkürzt die Rallye um rund 700 selektive Kilometer. Dafür verlängern sich einige Zeiten: Jan de Rooy, Hans Bekx und andere bunkern
Strafzeiten wegen Verspätung in Portimao. Tschüss vordere Platzierung. Chagin, de Rooy jr., Stacey – das Spitzentrio diktiert die Schlagzahl. Tag fünf: Kurz nach
Start der WP von Ouarzazate nach Tan Tan im Süden Marokkos droht der führende Kamaz wegen zu geringer Dieselzufuhr zu verdursten; Fehlersuche. Die Zeit rast, die Konkurrenten auch. Endlich, Schluckbeschwerden behoben. Chagin startet die Aufholjagd. Schwerer Fahrfehler bei Kilometer 292 von 325 der WP: Bei Speed 150 schätzt Chagin eine Bodenwelle falsch ein. Abflug! Der Truck überschlägt sich mehrfach über Längs- und Querachse. Ein Horror-Crash! Der Überrollkäfig verhindert das Schlimmste. Zwar ist die Bergung von Semen Yakubow auf dem Mittelsitz zunächst schwierig und die Bilder sind dramatisch. Am Ende kommen die drei Insassen jedoch glimpflich davon. Seine Sieg- und Rekordträume muss Vladimir Chagin hier im Süden Marokkos aber begraben.
Des
einen Leid ... Hans Stacey nutzt die Chance und setzt den roten MAN TGA an die Spitze vor den drängenden Gerard de Rooy mit dem zigarettenblauen Ginaf und Ilgizar Mardeev im zweiten
Kamaz. Tragödie nächster Akt: Während der finale Ausfall von Vater de Rooy „dank“ der schlechten Platzierung weniger bedeutend ist, droht dem Junior ähnliches
Ungemach. Denn auch dem auf Platz zwei herumtobenden Blaumann zerreißt es die Zylinderbank. Ende Gelände. Der Fast-Service-Truck wird aus der Wertung genommen: „Out together,
home together“, kommentiert Boss Jan de Rooy genau 20 Jahre nach seinem Dakar-Sieg die außerplanmäßige Gruppen-Heimreise. In Son bei Eindhoven kann der Transportunternehmer
nun mit ansehen, wie sein Neffe Hans Stacey den Vorsprung verwaltet. Und wie mit Wulfert „Wuf“ van Ginkel ein anderer Ginaf-Pilot weit nach vorne fährt, ebenso die Tatra von
Loprais und dem Brasilianer de Azevedo. Bunte Gemengelage an der Spitze, Markenvielfalt statt Kamaz-Einerlei. Klammheimlich hat sich Philippe Jacquot mit seiner Crew vorgearbeitet. Der Franzose
war kurzfristig ins Stacey- Team gekommen anstelle des nominierten Johann Peter Reif.
Druckst man wegen der Gründe über diese Personalie ein wenig – gemunkelt wurde, dass der Österreicher Reif, 1997 immerhin Truck-Sieger bei der Dakar, bei Testfahrten
mit seinen Zeiten Verunsicherung hervorgerufen hat –, so rechtfertigt der Franzose nun seine späte Nominierung für das Cockpit des zweiten Exact- MAN und schaut sich aus
der ersten Reihe die jetzt beginnenden „Racey Stacey“-Festspiele an. Platz zwei auf Etappe neun hinter van Ginkel. Platz sieben trotz kleiner Panne in Abschnitt zehn, kaum
Zeitverlust. Sieger hier Arjan Brouwer, wie van Ginkel auf einem fast 1000 Caterpillar-PS starken Ginaf vor de Azevedo im Tatra 815. Stacey lupft das Gas, verwaltet den Vorsprung,
verzichtet auf Tagessiege. Tag elf: keine Änderung in der Tabelle. Die Rallye bewegt sich Richtung Senegal. „Jetzt bloß kein Sand mehr“, mag Stacey denken. Den
mag er nämlich nicht besonders, liebt eher schnelle Pisten. Loprais holt sich seinen ersten Tagessieg vor Stacey. Nur noch eine Etappe bis Dakar und das Schaulaufen am Strand ...
Die letzte Zeitnahme vor Dakar erreicht Jacquot als Erster. Loprais und de Azevedo folgen vor Stacey, Bekx mit dem DAF (hoppla, geht doch!), erst dann Mardeev. Stacey hat den Vorsprung
wieder ausgebaut: drei Stunden, acht Minuten. Finale. Das legendäre „Schaulaufen“ am Atlantik, dann durch die Dünen zum Siegerpodest am Rosa See. Vorsicht: Hier hat
Karel Loprais einmal den Gesamtsieg verspielt, blieb im Sand stecken. Freude bei der aus München a n g e r e i s - ten MANTruppe, als die roten Renner am Strand vorbeirauschen. Sieg
für Hans Stacey, Charly Gotlib und Bernard der Kinderen im werkunterstützten MAN TGA. Drei Stunden und knapp elf Minuten dahinter Ilgizar Mardeev, Aydar Belyaev und Eduard
Nikolaev mit dem Kamaz 4911. Eine blöde Panne kostet van Ginkel den Podiumsplatz – Steilvorlage für Ales Loprais und Petr Gilar mit dem Tatra 815. Für MAN wird das
Bekenntnis zum Truck Sport gleich mehrfach belohnt. Denn Philippe Jacquot bringt den zweiten Renn-TGA auf Platz sechs und MAN-Prüfmeister Franz Echter mit Navigator Detlef Ruf und
Mechaniker Edwin van Dooren schaffen es, den ungetesteten nagelneuen Fast-Service-Truck vom Typ TGA 18.480 4x4 BB auf Platz zehn zu fahren. Zittern für Gerhard Walcher und Stefan Niemz:
Die Esslinger wollen im siebten Anlauf endlich das Ziel am Lac Rosé sehen. Wenige Meter vor dem Ziel droht Ungemach: Gang einlegen? Fehlanzeige. Der Unimog rührt sich nicht
– die Uhr läuft unerbittlich. „Alle Teilnehmer drin“, heißt es im Rennbüro und erst ein Hinweis lenkt die Aufmerksamkeit auf das einzige deutsche Team
in der Rennwertung ohne Serviceaufgabe. Mit letzter Kraft schleppt sich der waidwunde kleine Allradler über die Ziellinie. Geschafft! Für Klaus Leihener war die Rallye
früh entschieden: 2006 noch Zwölfter und mit Jutta Kleinschmidt zum X-Raid- Team gewechselt, hatte er zuerst technische Probleme mit dem MAN L 90. „Dann trafen wir
täglich Jutta“, lacht der Wahl-Bayer mit Blick auf seine Service- Aufgabe. Als er dann Guerlain Chicherit nach dessen Crash lange half, war eine 50-Stunden-Strafe
fällig. Schicksal eines schnellen Serviceteams. Fazit: Ob nun MAN mit seinem ersten Dakar-Sieg überhaupt die Kamaz besiegt hat oder ob die Russen sich durch den Chagin-Unfall
selbst schlugen, ist unwichtig. So ist Motorsport eben. Am MAN-Erfolg schmälert auch die übereinstimmende Feststellung der meisten Starter nichts, die eine „zu leichte
und zu wenig selektive“ Streckenführung der 29. Rallye Dakar ebenso kritisierten wie deren „kommerzielle Ausrichtung“. Ersteres sehen vermutlich all jene anders,
die schon frühzeitig zum Zusehen verdonnert wurden. Unter der Kommerzialisierung leiden hingegen besonders die Trucks, für die es kaum TV-Zeit gab. Ginge es nach Carlos Sainz,
dürften die Lkw künftig – wenn überhaupt – sowieso nur noch ganz hinten starten. Sein Protest gegen Stacey wegen angeblicher Behinderung beim Überholen
blieb erfolglos. Dabei säße nicht nur der stolze Spanier ohne Lkw-Hilfe vermutlich heute noch irgendwo in der Wüste. Aber wie hatte ein kettenrauchernder
niederländischer Rallye-Philosoph einmal gesagt: „Ich werde am Ende nicht der Einzige in Dakar sein, der kein Glück hatte.